25. September 2007
Wolf Schneider
Wolf Schneider, geb. 1952, wuchs in Süddeutschland auf und studierte in München Naturwissenschaften und Philosophie. 1968-77 ausgedehnte Reisen in Europa und Südasien. Seit 1985 Verleger, Inhaber und Herausgeber von "connection", "connection Special" (1987), "connection books" (2003) und "connection Spirit" (2005). Seminarleiter Kreativ Schreiben und Schreibcoach im Einzeltraining oder bei Schreibblockaden.
Was machen Sie denn selbst, wenn Ihnen so ein guter Start für einen neuen Text nicht einfallen will?
Normalerweise falle ich mit der Tür ins Haus, das heißt, ich sage die Kernidee meines Textes gleich zu Anfang. Oder ich nenne als erstes den Impuls, der mich angetrieben hat, den Text überhaupt zu schreiben. Deshalb habe ich solche »Anfangsprobleme« eher selten. Wenn sie aber doch mal auftreten – man will ja »mit einem Erdbeben beginnen, um sich dann allmählich zu steigern«, wie die alte Journalistenregel hierzu lautet – dann schreibe ich erstmal alles auf, was ich überhaupt sagen will. Lasse dann alles Überflüssige weg; jeder Satz, jedes Wort prüfe ich auf Entbehrlichkeit. Dann schaue ich nochmal hin, ob der Anfang so stehen bleiben kann. Wenn nicht, spiele ich mit der Reihenfolge der Sätze und Gedanken, so lange, bis auch der Anfang passt.
Und "wenn dir nichts einfällt, keine Gedanken, nichts, dann bist du in Meditation. Prima!" - Was tun Sie, um Ihren Kopf wirklich leer zu bekommen?
Um den Kopf leer zu bekommen, kann man nichts tun. Je mehr man tut, umso voller wird er. Versuchen Sie mal, keine Gedanken zu haben! Das entfacht doch einen Sturm von Gedanken, die sich darum drehen, wie man keine hat oder wie man die, die man hat, wieder los wird. Es geht einfach nicht. Das einzige, was man tun kann, ist, die Gedanken, die da sind zu akzeptieren. Sie vergehen schon wieder, wenn man sie nur in Ruhe lässt. Gedanken zu beobachten ist die bessere Sportart als sie loswerden zu wollen. Wann tritt ein Gedanke auf, wann verschwindet er wieder? Wer das beobachten kann, wird dabei nicht nur ruhig, sondern auch kreativ. Kreativität ohne Stress, das ist doch das beste, was man sich wünschen kann.
Wenn die Gedanken verschwinden, mal nichts zum Denken, zum Beurteilen bleibt, scheint sich die Wirklichkeit zu verändern - was ist denn dann wirklich wirklich, das eine oder das andere oder etwas Drittes?
Wenn die Gedanken verschwinden, ist die Wirklichkeit immer noch dieselbe, sie wird dann nur nicht mehr durch Gedanken "gestört". Alles ist dann klarer präsent, gegenwärtiger. Wobei bewusst als solche wahrgenommene Gedanken ja nicht wirklich stören, sondern nur Gedanken, die "mich ergreifen" anstatt dass ich sie ergreife. Zum Denken und Beurteilen gibt es immer etwas. Aber man kann das Denken und Beurteilen auch lassen, dann geht es in einem selbst sehr viel ruhiger zu. Eine angenehme Stille und Entspannung tritt dann ein.
Heißt Kreativität so - in einem Zustand aus Entspannung, Vertrauen und Geduld - sich die richtigen Gedanken zu greifen und mit ihnen zu spielen?
"Die richtigen Gedanken", damit sollte man nicht reingehen in der kreativen Prozess, das hindert erstmal nur. Man weiß ja vorher nicht, welche Gedanken richtig sind, und wenn man den Zensor zu früh einschaltet, dann pustet der die Kreativität aus. Entspannung, Vertrauen, Geduld, ja, das ist alles gut, und das Gefühl, erstmal alles zulassen zu dürfen. Vielleicht ist der Übergang vom freien brainstorming, dem freien Assoziieren und die Gedanken stürmen lassen zum dann zielgerichteten, hochkritisch selektierenden Denken das Wichtigste dabei. Wenn man zu früh sich ausrichtet, bremst man zu sehr ab. Tut man es zu spät, verliert man sich. Man muss ja auch die Zeit im Auge haben, mit ihr flirten, sie berücksichtigen und mit ihr auskommen. Meist gibt es eine Deadline, jene tote Linie, auf der alles endet und man abliefern muss - und sei es das Menu für den Mittagstisch, die Auswahl der Bilder fürs Wohnzimmer oder auch nur die Klamotten für den heutigen Tag.
Für mich sind die schönsten und ergiebigsten kreativen Zustände die, in denen ich eine gewisse psychische Hitze spüre. So eine Erregung, die dem Lampenfieber ähnelt, das man als Schauspieler hat vor dem Auftritt auf der Bühne. Im Grunde ist jeder Tag im Leben ein solcher Auftritt: Wir führen etwas auf, und wir werden dabei gesehen. Aber es gibt da Strecken, wo nicht der Routinierteste der Beste ist, sondern der Eigenste, Persönlichste, Kreativste. Wo es um das Finden von Lösungen geht, für die man keine Vorbilder hat. Dafür ist die genannte psychische Hitze das Beste. Das ist so eine Art seelische Temperatur, vielleicht ähnlich dem, was die Alchimisten einst für die Verwandlung von Blei in Gold verlangten: Bei dieser Hitze verwandelt sich das schwere, dunkle Blei in das begehrte Gold, Schwermut in Glück, Trägheit in sprühende Lebendigkeit. Wenn man so "drauf" ist, hat man lauter gute Gedanken. Wahrscheinlich ist dann irgend so ein Glückshormon im Blut überstark angereichert, man ist ein bisschen wie auf Drogen, sprüht nur so vor Ideen und guter Laune – und muss dann aufpassen, dass diese Euphorie den Zensor nicht so weit nach hinten drängt, denn den braucht man ja auch. Ein guter (innerer oder äußerer) Kritiker ist sehr wichtig für den kreativen Prozess.
Freuen Sie sich, wenn Sie ein solcher Zustand psychischer Hitze überfällt oder versetzen Sie sich vorab ganz gezielt dort hinein?
Solch ein Zustand kreativer Hitze ist eine Art Euphorie und überwiegend etwas sehr Schönes. Man kann da nicht dauernd »drauf« sein; es ist so etwas wie Schussfahren bei der Ski-Abfahrt, antörnend, aber auch anstrengend. Wenn ich einen Abgabe-Termin habe oder eine wichtige Sitzung oder einen Vortrag halten muss (ich halte meine Vorträge immer frei, ohne Skript), dann kommt dieser Zustand von selbst. Die Aufregung, Erwartung, Vorfreude oder Vorangst versetzt mich in diesen Zustand.
Kann ich das auch ohne solche äußeren Anlässe erzeugen? Kaum. Aber es gibt Phasen, in denen mein Lebensgefühl eine Prise (oder auch mal mehr) von diesem Zustand hat: Da weiß ich, dass ich nur heute lebe, nur jetzt. »Erwarte nichts. Heute, das ist dein Leben« hat Kurt Tucholsky hierzu in sein Tagebuch geschrieben. Das ist es! Dieses Bewusstsein ist eine Art mystischer Zustand. Man weiß um die Vergänglichkeit und verzweifelt doch nicht. Man lebt einfach, kostet dieses Leben aus und seine unendlichen Möglichkeiten. Da ist dann plötzlich die Scheu weg, sich etwas zuzutrauen. Man traut sich alles zu ... na ja, mehr oder weniger, und das beflügelt, euphorisiert. Galgenhumor und der Genuss einer Henkersmahlzeit, das sind solche Phänomene, die damit zu tun haben, dass man die Endlichkeit akzeptiert und darin sogar eine Freude findet, Freiheit, Genuss, Witz.
Was genau tue ich da eigentlich? Schwer zu sagen. Es ist eher so, dass ich mich für diese Zustände bereit machen kann; sie direkt, willkürlich erzeugen, das kann ich nicht. Bei Künstlern besteht eine besondere Neigung zu Drogen. Ich glaube, der Grund dafür ist, dass man versucht, diese Zustände zu erzeugen. Letztlich kann man das aber nicht, obwohl doch jeder da so seine Tricks hat oder zu haben glaubt. Ich zum Beispiel mache mir einen starken Schwarztee, wenn ich etwas Wichtiges zu vollbringen habe, einen starken Assam, genau fünf Minuten muss er ziehen, dann versetze ich ihn mit einem guten Schuss fetter Sahne und gebe etwas Honig dazu, fertig. Das törnt – jedenfalls bilde ich mir das in solch einem Moment ein. Und dann los: Schreiben! Oder ein Auftritt oder so etwas, wo ich mich und meine Sinne beieinander haben muss. Dieses Ritual funktioniert, weil ich mir einbilde, dass es funktioniert. Manchmal muss ich darüber lachen, dass es so ist, aber ich bin mir selbst gut genug gesonnen, dass ich es trotzdem beibehalte.
Einmal im Monat habe ich sechs Zeitschriftenseiten zu schreiben, so 20.000 bis 24.000 Zeichen sind das – so eine Art Leitartikel meiner Zeitschrift, der ganz prominent auf die Titelseite kommt. Fast immer habe ich ziemlich genau sechs Stunden Zeit dafür, das zu schreiben. Dann noch ein, zwei Stunden zum Korrigieren, und ein Endredakteur geht dann noch einmal drüber. Dann muss es fertig sein, ohne Gnade, denn den Drucktermin zu verschieben, das kostet. Seit gut einem Jahr mache ich das so, es ist eine selbst inszenierte Aufgabe. Und es funktioniert! Wenn ich dem Feedback meiner Leser hierbei trauen darf, habe unter diesem Zeitdruck tatsächlich immer passabel gut schreiben können.
In Ihren Zeitschriften geht es um Lebenskunst, Weisheit und Heilung. Sie waren buddistischer Mönch in Thailand und lange Schüler von Osho. Wenn Sie ihm heute persönlich begegnen würden, was würden Sie ihn gerne fragen?
»Hallo Alter, wie ist es denn so im Himmel? Oder in der Hölle?« Osho hat zu Lebzeiten viele Witze gemacht, auch über Himmel und Hölle. In einigen davon kam die Hölle besser weg als der Himmel – dort sei es nicht so langweilig. Osho aber glaubte weder an einen an Himmel noch an eine Hölle und auch nicht an ein Leben nach dem Tod, in dem Sinne, wie man sich das meist vorstellt. Nicht einmal an Wiedergeburt, so als sei da »jemand«, der wiedergeboren würde.
Schwer zu sagen, was ich ihn fragen würde. Vielleicht das: »Sag mal, dieser Gag mit den Rollce Roices, war das nicht ein bisschen zu dick aufgetragen? Das hat doch kaum einer verstanden. Jetzt rückblickend, was würdest DU ändern an deinem Leben?« Seinen Tick mit den Rollce Roices jedenfalls mochte ich nicht und auch sonst einiges nicht an seinem Auftritt. Aber die Botschaft, die fand ich grandios! Überall, in allen Religionen und religiösen Wegen konnte er die Essenz sehen, die Quelle und sah, wie sehr die im Gegensatz zu dem stand, wie die jeweilige Richtung als gesellschaftliche Institution auftrat. Dabei integrierte Osho auch die westlichen und östlichen Therapien und Künste und trat kompromisslos für die Freiheit des Individuums ein – Freiheit von Führung, Verführung und Bluff aller Art.
Für mich hat Osho Religiosität und Humor verkörpert auf einzigartige Weise. 1977 kam ich zu ihm als ein etwas steifer Buddhist, der sich viel auf seine tiefen Meditationserfahrungen einbildete. Im Trubel des sozialen Lebens in der Subkultur seiner Schüler, der ich bis zu seinem Tod 1990 angehörte, löste sich das dann auf. Als ich zu ihm kam, war ich intellektuell hoch entwickelt und fühlte mich in der Einsamkeit frei und ekstatisch, aber mir fehlte das Soziale. Mit Osho entdeckte ich, dass Mystik auch mit Menschen lebbar ist, in der Liebe. Das war für mich wie eine zweite Sozialisation. Ich habe heute keine Angst mehr vor Menschen. Keine irrationale Angst mehr, meine ich: keine Angst mehr vor Annäherung, Tiefe, Intimität, Verlust der Identität in der Verschmelzung. Osho hat das Närrische in mir geweckt, den Mut zur Narrenfreiheit.
Es hat mir dort, bei den Sannyasins aber auch einiges gefehlt. Ich meine heute, dass Osho uns nicht genug über das Wesen der Persönlichkeit gelehrt hat. Wie sie sich bildet und wie sie gestaltet werden kann. Er hat immer nur darauf hingewiesen, dass Persönlichkeit Bluff ist und die Freiheit darin besteht, das Ego aufzulösen und niemand zu sein – leer, frei, mit dem ganzen Universum verschmolzen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte der Wahrheit hat er zwar gelebt, aber nicht (oder kaum) gelehrt: wie wir aus dem Niemandsland hervorgehen, aus dem wir alle geboren wurden und in das wir wieder hineinsterben, wir einzelnen, einzigartigen Jemande. Wir sind ja beides: ein Niemand und ein (fiktiver, gewordener) Jemand. Jeder von uns ist einzigartig, unvergleichlich und doch mit allem eins, wesensgleich; »eigentlich« sind wir alle dieselben. Das ist die religiöse und die weltliche Dimension des Menschseins. Wie passt das zusammen? Diese ewige Frage für die Mystiker aller Zeiten muss natürlich jeder für sich lösen. Aber ein spiritueller Meister wie er hätte uns doch, so denke ich heute manchmal, besser darauf hinweisen sollen, wie diese Persönlichkeit entsteht und gestaltet werden kann und wie sie gelebt werden MUSS.
Nun ja, jeder Lehrer hat seine Stärken und Schwächen, und ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich bei Osho gelernt habe. Dass dabei etwas übrig blieb, wo ich allein weiter gehen musste und muss, und was damals historisch vielleicht noch nicht so sagbar war wie heute, das ist auch in Ordnung. Ich bin sehr dankbar für meine Zeit mit Osho, ebenso wie die mit Buddha, als buddhistischer Mönch. Ich glaube, nach meiner Erziehung und Ausbildung in Deutschland waren Buddha und Osho die beiden größten Einflüsse in meinem Leben. Jedenfalls so lange, bis ich meinen eigenen Verlag begann, der nach wie vor meine »Schule des Lebens« ist.
Was verstehen Sie unter Persönlichkeit?
Die Frage, was eine Persönlichkeit ist, das ist für mich eine sehr alte, auf die ich schon lange ein paar faszinierende Antworten habe und mit mir herumtrage, auf die ich in den letzten Jahren aber doch ganz neue, erweiternde Antworten gefunden habe. Die alten, das sind zum Beispiel die von Buddha, von Georg Iwanowitsch Gurdjieff, von Wilhelm Reich und schließlich auch die von Osho. Grob gesprochen ist Persönlichkeit gemäß diesen Lehren dasselbe wie Persona = Ego = Charakter = ein eindeutig identifizierbares menschliches Individuum. Du und ich, das sind Personen oder Persönlichkeiten, wir sind als einzelne eindeutig identifizierbar, mit keinem anderen Wesen verwechselbar. Diese Identität oder Persona aber ist eine Illusion, sagt Buddha. In Wirklichkeit sind wir keine separaten Teile des Ganzen, sondern Fließgleichgewichte, mit allem verbunden, und das, was wir für eigen und persönlich halten, ist nichts Festes, sondern ein sehr schnell veränderliches Ereignis. Für Wilhelm Reich zeigte sich die Persönlichkeit eines Menschen in den für das jeweilige Individuum typischen Muskelverspannungen, und die nannte er »Charakterpanzer«. Würden wir nicht denken, wir wären jeweils was Besonderes, hätten wir auch diese Muskelverspannungen nicht.
Einige Religionen und spirituellen Strömungen haben nun entsprechend diesen Vorgaben das Ego zum Feind der Göttlichkeit oder der Auflösung in Glückseligkeit erklärt. Wenn die Persönlichkeit eine Illusion ist und das Festhalten an dieser Illusion zu Muskelverspannungen führt, dann ist es auch irgendwie logisch, das zum Feind zu erklären oder jedenfalls es schnellstmöglich loswerden zu wollen.
Meine eigenen Überlegungen hierzu aber sagen mir, dass es erstens nicht möglich ist, das Ego loszuwerden, denn es ist immer das Ego, welches das Ego loswerden will. Seinem eigenen Schatten zu entkommen, das geht nicht. Und wenn es denn eine Illusion ist, dann brauche ich gar nichts dagegen zu tun – gegen etwas, das nicht vorhanden ist, zu kämpfen, das ist doch absurd. Andererseits aber sind große Verkünder des Ideals der Egolosigkeit, wie etwa damals der Buddha oder heute der Dalai Lama durchaus unverwechselbare Persönlichkeiten, Menschen mit Profil, Charakter, festen Standpunkten, Selbstdisziplin und in sich konsistent, integer. Also doch gerade das, was wir eben noch dachten, als Einbildung und Hindernis entlarvt zu haben.
Man kann es sich nun bequem machen und sagen: Das ist eben paradox. Die großen Fragen des Menschseins sind und bleiben eben rätselhaft, wir können sie nicht lösen, wir müssen sie so stehen lassen. Wir dürfen in Ehrfurcht davor stehen und staunen. Damit aber macht man es sich zu leicht.
Einer meiner aktuellen Gedanken hierzu ist der: Die Persönlichkeit ist eine Fiktion, das stimmt. Sie ist nicht wahr, nicht echt, sondern etwas, das Menschen oder die sie umgebende Kultur erfunden haben. Aber so wie die fiktive Literatur der faktischen gegenüber steht und ihre ganz eigene Größe hat, so können auch Persönlichkeiten »großartig« sein. Odysseus und Faust sind fiktive Gestalten, keine faktischen. Es sind Mythen. Sie mögen historische Wurzeln haben, Anlässe, aus denen diese Figuren entstanden sind als Zeiten überdauernde Mythen, das Wesentliche an ihnen aber ist das Fiktive, das Gestaltete, die Legende, nicht die mageren historischen Tatsachen hierzu.
So sind auch menschliche Persönlichkeiten Illusionen, die als solche ausreifen können zu fiktiver Größe. Der Faust von Goethe ist unverwechselbar, einzigartig. Er ist keiner anderen literarischen Gestalt und keinem lebenden Menschen gleich, aber dabei gibt es ihn doch nicht wirklich, er ist Fiktion. So ist das auch mit unseren Persönlichkeiten, etwas schäbiger Egos genannt: Es gibt sie nicht, aber sie sind gestaltbar. Unsere Freiheit und Erlösung besteht genau darin, diese Gestaltbarkeit zu erkennen. Zu erkennen, dass das Ton ist in unseren Händen, den wir formen können. Als Pädagogen können wir (in Maßen) die Gestalten der zu Bildenden formen oder auch uns selbst formen auf dem Weg der Reifung oder Erleuchtung. Wir alle sind Niemande, No-name Produkte, die von sich behaupten, ein Jemand zu sein, eine Marke.
Jeder behauptet auf ganz eigene, einzigartige Weise, ein Jemand zu sein, obwohl diese Behauptungen doch alle falsch sind. Wir bluffen. Dass wir bluffen, das haben wir alle gemein, darin unterscheiden wir uns nicht, nur in der Art wie wir das tun, in den Tricks, die wir dabei anwenden. Wir sind Zauberlehrlinge, Zaubergesellen oder Zaubermeister, je nachdem, wie weit wir in der Kunst dieses Bluffens fortgeschritten sind. Deshalb vergebe ich in meiner Schule der Kommunikation die Titel »F.A. – Fool of Arts« und im zweiten Jahr den »MF.A. – Masterfool of Arts«. In unserem Narrendasein können wir vom Lehrling zum Meister aufsteigen, bleiben dabei aber doch Narren, Gaukler, Joker. Das heißt, wir können, wenn wir das kapiert haben, so wie der Joker im Kartenspiel, jede Rolle einnehmen und sind dabei Trumpf. Wer jede Rolle einnehmen kann, ist frei. Er hat den Bluff durchschaut und kann gestalten.
Das Widersprüchliche hierbei ist nun, dass hierbei immer »ich« »mich« gestalte. Wer also gestaltet da wen? Das geht doch nicht. Da würde doch ein vermeintlich freier Geist einen sich willig hingebenden Ton gestalten wie ein Töpfer – die beiden sind aber dieselben! Der Künstler und sein Kunstwerk sind dieselben. Solange ich als Schöpfer nicht frei bin, kann ich auch nicht »mich« frei Schnauze gestalten. Ich will mich mit dieser vermeintlichen Paradoxie aber nun nicht aus einem logisch doch eventuell lösbaren Problem herausreden. Hier ist die alte philosophische Frage des freien Willens versteckt. Die halte ich für lösbar, und zwar so: Wer von außen auf ein sich entscheidendes Wesen schaut und alle Informationen zur Verfügung hat, der kann die Entscheidung voraussagen. Für einen solchen Betrachter gibt es die Entscheidungsfreiheit nicht. Für den sich Entscheidenden aber gibt es sie: Er hat mehrere Optionen vor sich und wählt die für sich beste, ohne vorab zu wissen, welche das ist. Freiheit oder nicht, das ist hierbei so relativ wie in der Physik die Geschwindigkeit. Ruht die Erde? Von der Sonne aus gesehen ruht sie nicht.
Ich bin als Persönlichkeit also sowohl frei wie unfrei, je nachdem, aus welcher Perspektive man mich betrachtet.
Herr Schneider, herzlichen Dank für das Interview.
Mehr zu Wolf Schneider unter: www.schreibkunst.com.